Dienstag, 11. November 2014

11.11. - nicht nur ein Grund zum Feiern, sondern auch ein Tag des Gedenkens

Hallo ihr Lieben!

Als Rheinländerin ist für mich heute am 11.11. natürlich vor allem der Start in die neue Karnevals-Session. Der WDR-Livestream lief im Büro den ganzen Tag im Hintergrund, mein Herz hüpfte zu kölschen Tönen.

Aber der 11.11. markiert mit dem Waffenstillstand von Compiègne auch das Ende des 1. Weltkriegs im Jahr 1918. Da ich im letzten Monat eine bewegende Exkursion auf die alten Schlachtfelder rund um Verdun machen durfte, möchte ich euch aus diesem Anlass davon berichten.

Zum Hintergrund (für die Bilder einfach runterscrollen):

"Die Schlacht um Verdun im Nordosten Frankreichs gehört zu den verlustreichsten Schlachten im Ersten Weltkrieg, bei der sich die Divisionen des Deutschen Reiches und Frankreichs gegenüberstanden. In dem 10-monatigen und ergebnislosen Stellungskrieg (21.02.1916 - 20.12.1916) verloren etwa 800.000 Menschen ihr Leben. [...] Was den Verbrauch von Menschen und Maschinen betrifft, erreichte dieser Krieg bis dahin nie gekannte Dimensionen. [...] Den Sieger der Schlacht um Verdun zu ermitteln, ist auch heute noch ein nicht ganz unkompliziertes Unterfangen. Die langwierigen Kampfhandlungen waren schwerwiegend und forderten zahlreiche Opfer auf beiden Seiten (ca. 340.000 tote Soldaten der Mittelmächte und etwa 360.000 Gefallene der Entente), nahmen jedoch keinen entscheidenden Einfluss auf den Krieg an sich: Nach monatelangem Hin und Her auf wenigen Metern Raum hatten selbst die Alliierten durch den Rückzug Deutschlands keinen wirklichen Gewinn erzielt, sondern konnten nur ein Mindestmaß an Erfolg der eigenen Widerstandskraft verzeichnen. Ansonsten ist es durchaus möglich, die Schlacht von Verdun als stellvertretendes Ereignis für den blutigen und zugleich sinnlosen Stellungskrieg im Rahmen des 1. Weltkriegs zu betrachten."

Die Exkursion fand im Rahmen eines Seminars mit einer Gruppe statt, mit der wir uns seit diesem Jahr regelmäßig treffen. Es war zwar erst unser zweites Treffen, aber wir sind während der drei Tage sehr zusammengewachsen.

Am Freitag ging es mit dem Bus los aus dem Rheinland Richtung Frankreich. Auf dem Weg nach Verdun hielten wir am "Langen Max", einer alten Geschützstellung. Im Wald dort sahan wir u.a. solche versteinerten Zementsäcke, die damals liegen geblieben sind:


Unseren zweiten Halt machten wir am Deutschen Soldatenfriedhof Azannes II.



In Frankreich sind auf den Soldatenfriedhöfen die Kreuze weiß, wenn sie das Grab eines französischen Soldaten markieren und grau/schwarz, wenn es sich um das Grab eines Deutschen handelt. So fanden wir hier nur dunkle Kreuze. Viele der Begrabenen sind "unbekannte Soldaten".


Der dritte Halt führte uns zu den drei Stationen des Todes des Colonel Driant. Es gibt ein Mahnmal an dem Ort, an dem er erschossen wurd, mitten im Wald sein erstes, provisorisches Grab und dann ein großes Mahnmal an seinem endgültigen Grab, in das seine Gebeine letztendlich gelegt wurden.


provisorisches, erstes Grab

Driant fiel zu Beginn der Schlacht um Verdun, als er mit seiner Jäger-Halbbrigade den deutschen Vorstoß im Wald von Caures um fast zwei Tage verzögerte. Er wird bis heute von den Franzosen als einer der Helden des Ersten Weltkrieges verehrt.

Auf dem Weg zum Hotel fuhren wir noch durch eines der insgesamt neun nicht wieder aufgebauten völlig Zerstörten Dörfer (villages détruits). Hier wurde die Kapelle wieder aufgebaut; alle Häuser, die einmal das Dorf ausmachten, sind heute durch weiße Stehlen repräsentiert, wie ihr sie hier rechts unten seht. Ganz schön befremdlich, durch diesen "Ort" zu fahren, wenn man überlegt, wie viel Leben dort einmal geherrscht haben muss.


Nach einem schönen Abend in der Innenstadt von Verdun ruhten wir uns aus für die große Wanderung, die uns am Samstagvormittag bevorstand. Wir hatten die Ehre, einen wirklichen Verdun-Experten als unseren Führer durch die Wälder vor Verdun zu haben. Er ist deutscher Soldat, aber in Frankreich stationiert und in beiden Ländern als Experte für Fragen rund um die Schlacht von Verdun anerkannt. Hier seht ihr seinen Fuß neben Granatsplittern, wie wir sie reihenweise auf den Wegen fanden.


Anstrengende und wahnsinnig interessante fünf Stunden schlugen wir uns durch das Dickicht des Caures-Waldes in Richtung der Höhe "Toter Mann". Immerhin hatten wir Glück mit dem Wetter, sonst wären unsere Kräfte wohl noch schneller geschwunden.


Was hier nach Gestrüpp aussieht, sind Überreste von Stacheldraht. Die Wälder sind voll von Relikten der Schlacht: Granaten, Bombentrichter, (Tier-)Knochen, Tunnel, Gräben...



Hier haben wir den Caures-Wald verlassen und sind in Richtung der Höhe "Toter Mann" gelaufen. Zur Zeit des Krieges waren kaum Bäume vorhanden, sodass auf dieser freien Fläche die Soldaten wirklich gefundenes Fressen für ihre Feinde waren.


Dieses Foto sieht sehr idyllisch aus; der Zaun allerdings wird von alten Schienen gehalten, die früher zum Materialtransport überall in Wald und Feld verlegt waren.


Eingang zu einem der Tunnelsysteme, in denen teilweise hunderte Soldaten gleichzeitig hausten - sogar Küchen gab es in diesen Tunneln, was zumindest warme Mahlzeiten ermöglichte.


Dieser Spruch ist wohl einigen bekannt: "Ils n'ont pas passé." Grammatikalisch ist der Satz nicht korrekt, drückt aber aus, dass der Feind hier nicht weiter gekommen ist. Das Denkmal heißt wie die Anhöhe, auf der es steht: "Toter Mann".


Nach einer wohl verdienten Stärkung (und wieder einigermaßen getrockneten Füßen nach dem ein oder anderen Schlamm-Bad im Wald) durften wir am Nachmittag das Beinhaus von Douaumont besichtigen. Beeindruckend, die ganzen Knochen, Namen und Kreuze zu sehen...

Wenn ich mich recht erinnere, repräsentieren die 15.000 Kreuze in Douaumont ca. die Toten eines halben Monats Krieg in der Schlacht um Verdun. Unvorstellbar.

Am 22. September 1984 fand im Beinhaus von Douaumont die Begegnung von Staatspräsident Mitterrand und Bundeskanzler Kohl statt, bei der beide Hand in Hand der Toten der Schlacht von Verdun im Ersten Weltkrieg gedachten. Diese Geste gilt auch heute noch als ein symbolischer Höhepunkt der deutsch-französischen Aussöhnung.


Am Abend konnten wir noch kurz vor Schließung die Festung Douaumont besichtigen. Diese Festung wurde von den Deutschen eingenommen und später von den Franzosen wieder zurückerobert. Die Bombentrichter auf dem Gelände und in der nächsten Umgebung zeugen von unendlichem Leid und sind Sinnbild für die Menschen- und Materialschlacht dieser Phase des Krieges.


Waschraum in der Festung

Ungewöhnlich: eine Gedenkstätte für die deutschen Soldaten, die in der Festung starben.

Auf der Festung wehen inzwischen die französische, europäische und deutsche Flagge nebeneinander. Dieses Bild ist alles andere als selbstverständlich. Nach dem Hissen der drei Flaggen forderte z.B. der Bürgermeister von Verdun, man möge die deutsche doch am nächsten Tag wieder abnehmen. Auch für unsere Gruppe war es ein zwiespältiges Gefühl, diese drei Flaggen an diesem Ort so nebeneinander stehen zu sehen.


Im Sonnenuntergang folgten wir noch spannenden und aufschlussreichen Erklärungen unseres Experten und fuhren mit vielen Bildern und Eindrücken zurück ins Hotel.

Im Hintergrund: eine der herausgefahrenen Schussvorrichtungen der Festung.

Am Abend diskutierten wir noch über das Erlebte und schlossen sonntags die Exkursion mit dem Besuch der museumspädagogisch toll aufbereiteten Zitadelle von Verdun und dem Besuch des Gottesdienstes in der Kathedrale ab.

Insgesamt war die Exkursion wirklich ergreifend und etwas, das ich nicht schnell vergessen werde. Zwei Wochen nach dem Wochenende durfte ich einem Festakt zum 100-jährigen Jubiläum des Beginns des 1. Weltkrieges und zur Feier der deutsch-französischen Freundschaft beiwohnen: von den Reden und Bildern aus Frankreich war ich sehr berührt - sicherlich viel mehr, als ich es ohne diese Erfahrungen aus Verdun gewesen wäre.

Gepaart mit den Eindrücken des vergangenen Wochenendes zum 25. Geburtstag des Mauerfalls wächst in mir noch mehr das tiefe Gefühl von Dankbarkeit, in Freiheit geboren und aufgewachsen zu sein und junge Erwachsene in einem Land zu sein, das so viele Möglichkeiten bietet, in dem mir die Welt offen steht.

Diesen langen Post möchte ich abschließen mit einem Zitat des Schauspielers Hans-Werner Meyer:

"Freiheit bedeutet, selbst entscheiden zu können, welche Verpflichtungen man eingeht.
Freiheit bedeutet nicht, dass man machen kann, was man will."

Ich hoffe, ich konnte euch einen kleinen Einblick geben und vielleicht euer Interesse wecken, euch ein wenig in die Thematik einzulesen.

Gehabt euch wohl und habt eine geruhsame Nacht!
Alles Liebe
eure Steffi

Kommentare:

  1. Auch mich hast du gerührt, einmal mit dem Erinnern an düsen Tag. Und noch mehr mit deinem Bericht über Verdun. Ich war noch nie dort, obwohl der Ort mit der Geschichte meiner Familie zu tun hat: Mein Großvater, als 43jähriger, sechsfacher Vater bei Kriegsbeginn, hat Verdun überlebt und versucht, seine Meinung von der Sinnlosigkeit des Kriege und der Feindschaft zwischen D und F an seine Söhne weiterzugeben. Er starb vor Ausbruch des Zweiten und musste nicht ansehen, dass sein jüngstes Kind mit 18 in Clermont-Ferrant für den nächsten ausgebildet wurde. Ich bin froh, dass seine Urenkelin sein Vermächtnis eingelöst hat... Daran denke ich immer wieder, wenn ich die beiden Fahnen nebeneinander sehe.
    Ich hoffe, wir sind genug, um diese alte Feindschaft nicht wieder aufleben zu lassen.
    Eine gute Nacht!
    Astrid

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen Dank für deinen nachdenklichen Kommentar, liebe Astrid! Wie schön, dass sich die Geschichte deiner Familie so wenden konnte in unserer heutigen Welt. So werden aus Feinden Freunde. Diese Besonderheit der europäischen und anderen internationalen Beziehungen sollten wir immer im Hinterkopf behalten und die neuen Freundschaften wie einen Schatz bewahren.

      Gute Nacht, liebe Astrid!

      Löschen

Ich freue mich jederzeit über liebe, konstruktive und hilfreiche Kommentare!